Aushilfsjedi

Stuttgart – Eine Hassliebe – Episode 1

Denke ich an Stuttgart, geht mir mein Herz auf – aufgewachsen am Neckar gegenüber von Weinbergen und inzwischen wohnhaft auf Stuttgarts Hügeln ganz nah bei Wäldern. Der Blick ins Tal auf dem Weg von und zur Arbeit versöhnen immer wieder mit dem negativen Element der Stadt: Den Menschen! Die haben in Stuttgart nämlich zwei dringliche Fragen, die sie gerne geklärt haben wollen, bevor sie sich mit dir verhalten. Ja, eigentlich sind es drei Fragen, aber lassen wir die Kehrwoch mal außen vor.

Was schaffsch? Wem ghersch? – „Was (und wo) arbeitest du?“ und „Zu wem gehörst du?“

In jungen Jahren war eigentlich gar nicht wichtig, was für ein Käpsele ich möglicherweise eines Tages hätte werden können. Viel mehr drängte die Frage, wer meine Eltern sind, was sie beruflich machen und wie engagiert sie sind im Kindergarten und in der Schule? Andere Kulturen Ihre Namen mit „Sohn von … “ durch Ibn oder anderen Zusätzen, in Stuttgart wird das diskrekt mit „Wem ghersch?“ abgefragt. Als ich in den Bezirksbeirat meines Stadtbezirks kam, leistete ich parallel dazu meinen Zivildienst im lokalen Altersheim ab. In Unterhaltungen mit älteren Herrschaften in der Betreuung und mit Bezirksbeiräten der CDU kam dann zur Sprache, dass der Junge ja kein Unbekannter ist, sondern einer alteingesessenen Familie des Stadtbezirks entstammt. Mein Ururopa war bis dahin nie Thema gewesen in meinem Leben.
Selbstverständlich endet der Spaß nicht mit dem Erwachsen werden. Der zentral zu erfragende Vitamin B – Quell im Erwachsenenalter heißt „Partner/in“ und für die/den auch die zweite Elementarfrage gilt:

Der Homo oeconomicus ist ein Meister aus Stuttgart.

Was arbeitest du und wo? Ich habe schon Abende in anderen Städten verbracht, an denen ich nicht ein Wort darüber verloren habe, was ich beruflich mache. In Stuttgart ist es neben „Wie heißt du?“ und „Woher kennst du den Gastgeber?“ die wichtigste Information auf Partys.

Kleiner Selbsttest zum Mitmachen für die Leser: Wenn der Autor die Frage nach dem Job und Arbeitgeber suboptimal empfindet, ist sicher beides doof?

Weit gefehlt. Ich mochte bisher die meisten meiner Jobs und auch die meisten Arbeitgeber (Zeitung, Verband, Hochschule und Mittelstand) sind mir nicht unangenehm. Allerdings bin ich mehr als mein Job. Ob als Student, Freiberufler oder Festangestellter, Online-Redakteur, Dozent, Konzepter oder nun Marketing Manager – ich war immer der gleiche Lombaseggl. Nicht jedoch für die anderen Einheimischen, die natürlich auch immer wissen wollen, wer da an meiner Seite ist, und wie es da beruflich aussieht. Alles zielt einfach darauf ab: Welchen Vorteil bringt dieser Kontakt mir, wo lässt sich was drehen und wo bekomm ich etwas günstiger?

Hassliebe

Man kann sich natürlich darauf vorbereiten und darauf einstellen, wie die Menschen ticken. Ein Abend in Stuttgart, bei dem man neue Bekanntschaften schließt, ist dennoch maximal frustrierend, da die Stuttgarter sich relativ einig darin sind, dass des nun mal so gehört. Aber dann fährt man wieder die Weinsteige hoch, mit dem schönen Blick ins Tal auf die beleuchtete Stadt….

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