Aushilfsjedi

In Nomine Dilectionis – Episode I

„Wir wollen mit der diesjährigen Herbstausgabe mal alles komplett anders und revolutionär machen!“ verkündet Mirja, wie bereits in den Jahren und Quartalen zuvor. Warum Chefredakteure ständig alles revolutionär und anders machen wollen, wo sich doch altbacken und stetig das Gleiche immernoch verkauft, fragt niemand im Raum.

Stille liegt über der Redaktionssitzung. Jede Idee, die jetzt kommt, dient als „Darling“, das es zu killen gilt. Die erste Idee ist immer Scheiße – in dieser Reaktion ein ehernes Gesetz. Befeuert wird das Ganze, wenn wie in den letzten Jahren der feurige Gedanke der Revolution im Raum steht. Doch bis dieser Kracher schließlich zündet, gilt es die Ruhe vor dem Sturm auszuhalten. Bis an die Zähne bewaffnete Armeen auf zwei Seiten eine grünen Talsenke inklusive Morgentau in der Erwartung, dass sich der Nebel schließlich lichtet und die Schlacht beginnt, gepresst in einen kleinen Konferenzsaal. Alle halten die Luft an.

„Herbstzeit ist auch Kürbiszeit“, schießt es auf einmal aus dem neuen Redaktionspraktikanten Sören hervor. „Man könnte also Kürbisrezepte mit den neuen Trends kombiniert erarbeiten.“ Der Raum explodiert zwischen Raunen und Ausamtern. Hat der junge Mann gerade Kürbisrezepte gesagt und damit das altbackene Thema auf die Todesliste gesetzt? Ist damit die zehn Jahre alte Tradition seit Mirja diesen Laden führt und das Thema selbst in ihrem ersten Jahr auf die Tagesordnung setzte gebrochen?

„Danke Sören, aber über Kürbisse schreibt doch heute jeder grenzdebile Blogger. Damit lockt man doch keine Leser mehr an!“ beerdigt Mirja die kulinarische Idee. „Da braucht es wesentlich mehr pepp.“

Themen, Themen Themen

Was folgt ist ein Feuerwerk der Ideen. Natürlich geht es um die modischen Farbenspiele der Saison bis hin zu den Wintertrends Schneeweiß, Weißtarnfleck und natürlich Weiß mit modischen Tupfen. Ich bekomme wie immer die freie Hand für die bitter böse Kolumne. Kulinarisch setzt sich zudem die Idee durch einfach schon im Herbst die schönsten Mangold Rezepte zu präsentiere. Da dieser erst im Juli Saison hat, sorgt das für die Überzeugung, die Leserschaft trenne die Rezeptseiten aus, oder behalte schlußendlich gleich das ganze Heft in der Küche.

Schließlich fehlen in der Kategorie „Liebe & mehr“ noch ein paar klare Herbstthemen! Dauersingle Max wird einen Artikel über sein revolutionäres „Drei-Konten-Modell“ verfassen, das jegliche Beziehungsstreitigkeiten aus der Welt schaffen soll. Die Ironie, dass er aktuell keine Beziehung hat, die diese These untermauert, sorgt bei vielen für ein leichtes Schmunzeln.

Ein weiteres Beziehungs-Highlight der bunten Jahreszeit wird von Hilde verfasst werden. Unter dem Arbeitstitel: „Was ist ein Überwinterungsmaulwurf?“ möchte die junge, leicht kopulente Mitdreißigerin das Phänomen der Kurzzeitliebschaft erörtern, die Frau/Mann sich im Herbst anlacht, gemeinsam Weihnachten unterm Baum verbringt, über den Winter behält und im Frühjahr, wenn Tageslichttauglichkeit auch in knapper Bekleidung wieder relevant wird, durch ein passendes Exemplar ersetzt.

Zuletzte meldete sich das Redaktionskücken Ariana zu Wort: „Da fehlt irgendwie noch das WO FINDET MAN? Aber dann schreibe ich einen Artikel über die neuen Online-Dating-Plattformen, dann passt das.“

(Episode II)

(Kleine Anmerkung)

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