Aushilfsjedi

Gamer?!

Liest man heuer Profile in sozialen Netzwerken, so findet sich vermehrt eine Bezeichnung darin, die seltsamer nicht anmuten könnte: Gamer. Inzwischen sind Videospiele in der breiten Gesellschaft längst angekommen. Auf den Smartphones in den öffentlichen Verkehrsmitteln werden spielerisch mehr Pixel verschoben als in den Neunzigern zur Einführung des Game Boys inklusive Tetrisfieber.

Warum also muss man sich dieses Label noch verpassen?

Die Bezeichnungen “Nerd“ und “Geek“ waren irgendwann Sammelbegriffe zu denen jeweils vor Ort eine überschaubare Anzahl an Menschen zählte. Inzwischen muss man sich jedoch mit der Frage konfrontieren lassen, zu welchen speziellen Untergattungen man gehört. Schliesslich möchte der Comic-Nerd, in der Hoffnung einen Gleichgesinnten gefunden zu haben, nicht einen Monolog über Aquaman starten, wenn der comic-unafine Gamer-Nerd nur weiß, dass es dazu keine taugliche Videospiel-Umsetzung gibt. Die Notwendigkeit das Thema soweit auszuformulieren und zu erklären, rechtfertigt also bereits das soziale Label.

Hinzukommt der Unterschied zwischen „Kurz mal in der Bahn“ und „tatsächliches Hobby“. Denn während andere lieber eine mittelmäßige, künstlich in die Länge geschriebene Serie auf Amazon Prime oder Netflix schauen, genieße ich lieber ein mittelmäßig bis gutes Videospiel.

Vom kindlichen Spaß zum Sündenfall

Während meiner Kindheit und Jugend gab es zweierlei Gaming-Phasen. In der ersten Phase saßen Kinder häufig an Regentagen gemeinsam mit Freunden im Wohnzimmer vor dem Fernseher und spielten auf dem Atari 2600, NES oder SNES. Manche hatten auch einen frühen PC, C-64 oder Amiga im Arbeitszimmer der Eltern oder im Wohnzimmer rumstehen. Hier und da gab es auch im Bus und der Bahn die Gameboy- und GameGear-Fraktion zuerspähen. Zentrales Element dieser Zeit war allerdings das „öffentliche“ gemeinsame Spielen. Es war eher ein kindlicher, geselliger Zeitvertreib neben Fussball, Brettspielen und Rumhängen in den 80ern und frühen 90ern.

Die zweite Phase begann als die TV-Geräte gemeinsam mit den Konsolen in die Kinder-/Jugendzimmer wanderten. Die PCs wanderten ebenso und auch die Spieleauswahl lud mehr und mehr zum Alleinespielen im eigenen Zimmer ein. Irgendwann kam die Multiplayer-Option über Internet dazu. Erzählte man nun allerdings von Videospielen im weitläufigen Freundeskreis, gab es nur noch einige wenige, die das Hobby wirklich teilten. Der Gamer war der Sonderling, der er in der Erwachsenenweit der 80er wohl schon davor war. Zudem taugte es auch nicht als Thema in hormongeschwängerten Gesprächen mit Mädchen. Ganz aus war der Ofen allerdings 1999, als die erste Killerspiel-Debatte nach dem Columbine-Vorfall in den USA durch die Medien geisterte.

Bis Heute

Auf die Gefahr hin, wie der alte Opa zu klingen, der aus dem Krieg erzählt: Insbesondere in einer Welt, in der man anderen Menschen beim Spielen zusehen kann, Videospiele als Sport anerkannt sind und die Gamingbranche sogar staatliche Subventionen erhält, blickt man umso iritierter zurück auf den erlebten Szenenwechsel der eigenen Vergangenheit.

Man blickt schon etwas neidisch auf die junge Generation. Die kann nun unbeschwert Gamer sein, Leute wie Gronkh feiern und sogar selbst zum öffentlichen „Spielehelden“ werden. Man möchte allerdings auch nicht die Zeiten missen, in denen man selbst als „Sonderling“ eben jene Spielerfahrungen selbst live machte, die man heute „Retro“ nennt.

Im Grunde ist es aber wie mit vielen Phänomenen in der gesellschaftlichen Entwicklungen: heute Sonderling, morgen etabliert, übermorgen ein Klassiker.

Darum also: Gamer!

2 Kommentare

  1. Wir sind froh, dass Gaming mittlerweile so anerkannt ist. Beide über 30, aber leidenschaftliche Zocker. Unserer Wohnung ist voller Poster und Statuen und wir haben sehr viele T-Shirts mit Gamingmotiven. Aber die wenigstens werden das wirklich erkennen. Trotzdem wird man das Stigma auch heute noch nicht ganz los. Als Hobby steht es deshalb eher nicht im Lebenslauf bei uns…

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