Aushilfsjedi

Es gibt kein Recht auf Erfolg!

Als ich noch ein junger Hüpfer war, gab es direkt ums Eck einen Metzger. In der anderen Richtung gab es drei Straßen weiter auch einen und am anderen Ende des Stadtteils noch zwei weitere. Natürlich gab es auch noch die Supermärkte, teils mit, teils ohne Frischwurst/-fleischtheke. Ähnlich breit gefächert war das Angebot an Backwarenanbietern. Inzwischen gibt es viele der kleineren Läden nicht mehr. Das liegt zum einen am Alter, zum Anderen ist es der fehlenden Wirtschaftlichkeit geschuldet. Wenn der Laden nichts mehr abwirft, suchst du dir eine Alternative.

Schnitt

Wir schreiben das Jahr 2018. Jeder ™ möchte mit möglichst wenig Aufwand, möglichst viel Geld verdienen. Und wenn schon Aufwand, dann möglichst viel Kohle dafür. Rollenvorbilder, die mit kurzen Videos, in denen sie Werbung machen und zudem Produkte im Hintergrund platzieren, viel verdienen, gibt es zu genüge. Dass da junge Menschen mal ratzfatz zu Millionären werden, bleibt nicht aus. Und natürlich gibt es auch Schreiberlinge, die dafür bezahlt werden, Essen zu gehen und dann wohlwollende Worte in Blogs zu verfassen. So ist es wenig verwunderlich, dass es die junge Generation tatsächlich wieder an die Tatstaur treibt, wo sie fleissig der Kulturtechnik „Schreiben“ fröhnen.

Schnitt

Montag Mittag in einer Agentur, die unter anderem Bloggerrelations für Unternehmen betreibt. Die junge Bloggerin Milla verhandelt über eine Kooperation mit einem namhaften Hersteller. Das Publikum und die Reichweite ihres Blogs passen so gerade in das Portfolio für die Zusammenarbeit. Nur beim Geld haken die Verhandlungen. „Sie werden verstehen, dass ich für das Geld nicht arbeiten kann. Ich muss auch Rechnungen bezahlen!“ Ein gutes Argument. Denn in der Tat freuen sich sowohl der Vermieter, als auch das E-Werk über die regelmäßigen finanziellen Zahlungen für Strom und Miete. Und auch die Kassiererin im Supermarkt bevorzugt es, Geld entgegen zunehmen für Waren. Der Deal scheitert schließlich, da das Angebote Geld nicht zur Deckung der Rechnungen ausreicht.

Die zwei Seiten der Medallie

„Wir können nicht mehr bezahlen!“

Tatsächlich müssen auch Agenturen Rechnungen bezahlen und gelegentlich Löhne für die Mitarbeiter. Entsprechend bleibt vom Budget, dass Unternehmen für Bloggerrelations stellen, immer auch ein Anteil bei den Agenturen hängen, die damit Kosten decken. Aus eigener Erfahrung und der von KollegInnen der ehemaligen Branche kann ich berichten: wenn keine haarkleine Transparenz und konkrete Mediaplanung vereinbart wird, geht gerne mal mehr Geld an teure MitarbeiterInnen und in die Deckung von Verlustprojekte – man gewinnt schließlich nicht jeden Pitch – als an die InfluencerInnen. Selbstverständlich werden häufig Texte teils zu Dumpingpreisen eingekauft, weil es billiger ist, als feste RedakteurInnen teuer zu beschäftigen. Dass an so manchem Artikel die Arbeit des festangestellten Grafikers der teuerste Anteil ist, sollte kein Geheimnis sein. Schlussendlich sind Blogger also nicht nur der moderne Weg Produkte nochmal scheinbar unabhängig zu bewerben, sondern eine günstige Alternative zum festangestellten Text-Mitarbeiter. Tatsächlich würden viele Agenturen ohne günstige Bloggerdeals zeitnah noch schneller verschwinden. Nicht umsonst halten viele Läden gar nicht so lange am Markt.

„Ich muss davon Leben können!“

Die armen BloggerInnen sind also nur das Opfer der gemeinen Agenturwelt? Nein, denn es gibt kein Recht auf Kostendeckung. Wenn du als MetzgerIn oder BäckerIn in deinem eigenen Laden kein Gewinn erwirtschaftest, gehen irgendwann die Lichter aus. Ähnlich verhält es sich in der Bloggersphäre. Es gibt schlicht ein Überangebot und immer jemanden, der es für ein paar Euro weniger macht. Es ist das Los des Freiberuflers, dass am Ende des Monats mehr auf der Habenseite steht als auf Soll. Funktioniert das nicht, kann ich natürlich auf die gemeinen Agenturen schimpfen, die sich die Taschen vollstopfen, während ich am Hungertuch nagen muss. Alternativ kann ich aber auch zu der Einsicht gelangen, dass wenn es mir nicht möglich ist, ich davon nicht leben muss, weil andere Optionen verfügbar sind.

Eine weitere Option wäre es, an der Veränderung des gesamten Systems mit zu arbeiten und öffentlich kritisch Stellung beziehen zum Verhalten von Agenturen und auch Unternehmen. Das wiederum erfordert die Bereitschaft das Risiko einzugehen von einigen nicht mehr gebucht zu werden und natürlich Haltung. Aber gerade die fehlt ja leider so häufig.

Fakt ist: es gibt kein Recht auf Erfolg! Wenn davon die Rede ist, dass der Markt alles regelt, heißt dass auch, er entsorgt Marktteilnehmer die nicht konkurrenzfähig sind. Schöne neue Welt mit ganz alten Regeln!

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