Aushilfsjedi

Another Mistake!

Vor 10 Jahren verdiente ich neben dem Studium mein Geld damit, übers Flirten und Daten zu bloggen. In diesem Rahmen schrieb ich damals auch über den Sinn und Unsinn von „Flirtsprüchen“ bzw. das Resultat, wenn diese zu Massenphänomen werden. „Wer lügt mehr, Männer oder Frauen?“ Es gibt wahrscheinlich kaum eine Frau zwischen 18 und 50, die diese Frage noch nie gehört hat. Eine klassische Eröffnung aus dem Repertoire eines amerikanischen Aufreißkünstlers, der auch in Europa tapfer Ratgeberbücher verkauft hat. Egal was die Angesprochene sagt, die eigene Antwort ist wiederum auswendig gelernt und ein witziger selbstbewusster Satz, der sie hoffentlich zum Lachen bringt. Im Grunde kommunikative Stützräder beim Ansprechen von Menschen, weil mit der Nervosität klar kommen, schon schwer genug ist. Zum Problem werden diese hilfreichen Ideen, wenn der Mensch sich nicht darüber hinausentwickelt oder der Spruch zum Massenphänomen wird.

Ich hatte 2007 eine persönliche Lieblingseröffnung für Gespräche. Die beruhte auf einer wahren Begebenheit, die mir persönlich passiert ist und somit authentisch passte. Eines Abends war ich mit einem jungen Mann aus der ortsansässigen Aufreißer-Community unterwegs. Er bemerkte, dass mein „Material“ funktionierte. Ein Monat später war die Geschichte auf 10 000 und mehr Frauen in der Stadt losgelassen worden. Ich möchte nicht wissen, wie viele Damen das Ding doppelt und dreifach gehört haben. Ob und wie lange die Herren damit Erfolg hatten, weiß ich ehrlich gesagt auch nicht. Ich bemerkte nur eines Abends, wie ein junger Kerl exakt mit der Geschichte eine Freundin ansprach. Die kannte jedoch den Originalzusammenhang, war hochgradig amüsiert und stellte mich dem Typen vor als den Urheber. Wie sich herausstellte, hatte er selbst die Geschichte aus einem Flirt-Forum in dem die Jungs bundesweit aktiv waren. Offen blieb damals die Frage, ob die Damenwelt beim zehnten Mal der selbe Spruch dennoch freundlich reagiert, weil der Typ sie interessiert, oder eher nicht.

Inzwischen hat sich die Kontaktanbahnung für Dates in Apps verlagert, wo natürlich alles neu und anders ist. Wischt sich dort ein gesprächsbereites Pärchen zusammen, heißt das allerdings noch nicht viel. Im Zeitalter der Emanzipation sieht der moderne Mann, dem selbst nichts besseres einfällt als „Hi, wie geht´s?“, nicht nur viele Rechte bei den Frauen, sondern auch Pflichten. Ergo: „Soll sie doch kommen!“ Und so wie Frauen für ihre Rechte lange kämpften und dennoch warten mussten, wartet der Zeitgenosse mit seiner Erwartung nun, da die emanzipierte Dame noch immer mehr Auswahl hat.

Der trickreiche Profi ist da natürlich weiter. Er hat dank You-Tube-Anleitung den perfekten Schlüssel für das Schloss des Angesprochen werdens. In sein Profil schreibt er schlicht „Another Mistake“ (mit violettem Teufelemoji). Was das bedeutet? Genau das fragen sich natürlich auch die vielen Frauen, rennen ihm die Türe ein und wollen alles über diese kryptische Aussage erfahren. Zumindest ist das die Theorie dahinter. Tatsächlich sind Videos auf You-Tube aber kein Geheimtipp mehr und dieser Geniestreich an Profilinhalt findet sich bei mehr als nur einem Kandidaten. Die moderne Frau von heute bekommt das also nicht als Besonderheit der eigenen Persönlichkeitserkenntnis zu fassen, sondern denkt bei der Häufigkeit mit der dieser Satz auftaucht eher an eine Sekte. Eine kurze Netzrecherche klärt sie dann auf, dass der junge Mann sich wohl mit Erfolgrezepten fürs Onlinedating versorgt hat. Das wird zwar in manchen Fällen durchaus honorierend positiv aufgefasst. Es lässt allerdings offen, wie viel Anteil der Kommunikation dann Persönlichkeit sind und wie viel „Masche“. Ebenso stellt sich die Frage, warum er so etwas liest, aber nicht versteht und weiterdenkt?

Aus der ursprünglich guten Idee der Stützräder wird auch hier ein Massenphänomen gepaart mit Faulheit. Das behindert mehr als dass es hilft. Schlimmer noch, es entlarvt die fehlende Motivation solche Zusammenhänge zu verstehen und kreativ weiterzudenken auf die eigene Persönlichkeit. Und wer mein ehemaliges Blog und meine Thesen noch kennt, der weiß, man darf sich gerne Inspirtation holen. Langfristig glücklich und zufrieden wird nur, wer seine Persönlichkeit dabei entfalten kann und sich nicht verstecken muss.

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